Interview mit Herr Brenner

Interview mit Herr Brenner von Förderverein Roma e.V.

Studierende: Erst mal zu Ihnen, wie lange arbeiten Sie bereits hier?

Herr Brenner: Ich arbeite seit 25 Jahren im Förderverein Roma und habe den Verein auch mit anderen Leuten zusammen vor knapp 25 Jahren gegründet.

Studierende: Aus welcher Intention heraus?

Herr Brenner: Die Intention war sehr unprätentiös, d.h. ich hatte mein Studium beendet, es war Mitte der achtziger Jahre, ohne politischen Hintergrund oder ähnliches, ging es mir schlicht und ergreifend ums Geld verdienen und ich hatte einen Job, den niemand anderes haben wollte, hier in Frankfurt in der Ahornstraße, früher noch sozialer Brennpunkt. Natürlich wusste ich über meine Geschichtskenntnisse und mein politisches Engagement, was in einem ganz anderen Feld lag, dass Roma und Sinti im Nationalsozialismus verfolgt wurden und dass sie auch nach wie vor ausgegrenzt werden. Die Idee für den Förderverein ist entstanden in Zusammenarbeit mit anderen Leuten, die in der Menschrechtsarbeit und Flüchtlingsarbeit tätig waren und Lehrer und Sozialarbeiter waren/sind. Es sollte ein Verein gegründet werden mit dem Hintergrund besser organisiert und strukturiert Hilfe (Anträge stellen, etc.) anbieten zu können.

 

Studierende: Wie viele Roma und Sinti leben hier in FFM?

Herr Brenner: Im Vorfeld ist Vorsicht geboten. Es gibt keine offiziellen Erhebungen und es darf keine Erhebungen geben (natürlich lege ich meine Hand dafür nicht ins Feuer, ob es nicht doch irgendwelche Erhebungen gibt). Wir können aus unserer Erfahrung heraus sagen, dass wir ungefähr innerhalb der Beratung, der Projekte und der Kindertagesstätte mit etwa 1800-1900 Personen in Kontakt stehen. Man muss natürlich davon ausgehen, dass nicht jeder hierher kommt, da nicht jeder ein Problem hat oder Personen, die Probleme haben auch woanders hingehen. Unsere Schätzung beläuft sich auf 3000-4000 Roma und Sinti. Das schließt aber auch deutsche Sinti, deutsche Roma, die seit langer Zeit hier leben, aber auch diejenigen, die erst seit kurzem hier leben, mit ein.

 

Studierende: Woher kommen die hier lebenden Roma und Sinti und gibt es kulturelle Unterschiede?

Herr Brenner: Natürlich gibt es Unterschiede. Im Gegensatz zu den vielen Vorurteilen handelt es sich um eine heterogene Gruppe und nicht um eine homogene, d.h. es gibt Unterschiede bezüglich der Herkunft, zwischen Sinti und Roma. Sinti sind diejenigen, die seit 600-700 Jahren im mitteleuropäischen deutschsprachigen raum leben. Deutsche Roma sind etwas später gekommen. Nicht-deutsche Roma sind Roma, die über Osteuropa hierhergekommen sind. Das hängt einfach davon ab, wie die Flucht-und Migrationswege verliefen. Und dann gibt es innerhalb der unterschiedlichen Leute auch nochmal Abgrenzungen oder auch Gruppierungen, sodass man das wirklich nicht über einen Kamm scheren kann und man muss vor allem eins bedenken und zwar, dass man es immer mit individuellen Personen zu tun hat, die Entwürfe haben, genau wie jeder andere. Sehen sie es so, wenn ich sie (er deutet auf eine der Studentinnen) nun genauer kennen würde, könnte ich daraus nicht die geringsten Schlüsse auf sie (und deutet auf eine weitere Studentin) ziehen. Ganz einfach weil sie ganz andere Erfahrungen, eine ganz andere Sozialisation, andere Vorstellungen, andere Perspektiven haben, ganz genau wie bei Sinti und Roma auch. Was gleich ist, ist die Erfahrung der Verfolgung, zum Teil der Vernichtung und der anhaltenden Diskriminierung, Ausgrenzung und der Konfrontation mit Rassismus. Das ist gleich.

 

Studierende: Wie würden Sie die derzeitige Situation der Roma einschätzen, bzw. was sind die hauptsächlichen Probleme Ihrer Klienten?

Herr Brenner: Die hauptsächlichen Probleme, die wir haben, und ich rede hier von den Problemen des Vereins, sind Probleme der Versorgung, d.h. Unterkunft, existentielle Versorgung, Gesundheit, weil wir zu 90% mit Roma-Migrant*innen arbeiten. Aufenthalt spielt auch eine Rolle, allerdings nicht mehr so eine wichtige Rolle wie früher, aufgrund der EU-Osterweiterung. Früher kam es oft vor, dass wir für eine Familie/ eine Person etwas erreicht haben und uns (und den Beteiligten) dann die Behörden mit einer  Ausweisung einen Strich durch die Rechnung gezogen haben. Das spielt nach wie vor eine große Rolle bei Roma aus Ex-Jugoslawien, die entweder jetzt in der letzten Zeit (zwei Jahre) hinzugekommen sind oder die Bürgerkriegsflüchtlinge sind. Im Zuge dieser EU-Erweiterung, bei der Jugoslawien auch eine bedeutende Rolle spielt, gibt es natürlich Bestrebungen, die nun von der Bundesregierung nochmal massiv voran getrieben werden, die da heißen, dass Länder wie Ex-Jugoslawien sichere Herkunftsländer sind. Diese Aussage stimmt mit den Informationen von Flüchtlingsorganisationen nicht überein, denn dort werden Roma nach wie vor massiv diskriminiert, ausgegrenzt und sind auch von rassistischen Übergriffen bedroht. Die Leute, die hier leben, ob über kürzer oder länger, werden der Reihe nach ausgewiesen. Wir haben Informationen, dass allein in den nächsten Jahren 80.000 Personen betroffen sein werden. Hier spielt natürlich der Aufenthalt eine ganz bedeutende Rolle und wir erhalten jede Woche ein oder zwei Anrufe, ob wir nicht Informationen darüber geben können, wie ein längerer Aufenthalt gestattet werden kann. In unserer Sozialberatung hier vor Ort haben wir relativ wenig mit Roma aus Ex-Jugos zu tun, im Umkreis, vor allem in Offenbach und Nordhessen, leben hingegen sehr viele Roma aus Ex-Jugoslawien.

 

Studierende: Wie kommt der Kontakt zustande?

Herr Brenner: Der Kontakt kommt in der Regel durch Informationsaustausch innerhalb der Roma-Gemeinde zustande. D.h. wenn Leute hierher kommen haben sie wahrscheinlich ausgebauten Kontakt zu bereits hier lebenden Sinti und Roma, da die schon länger hier lebenden Roma uns kennen. Die andere Kontaktaufnahme kommt dadurch zustande, dass sich andere Vereine, andere Institutionen melden, bspw. das Sozialamt, die Schule, Flüchtlingsorganisationen.

Studierende: Gehören existentielle Probleme zu den Hauptgründen der Roma, die hierher in die Beratung kommen?

Herr Brenner: In der Sozialberatung hier ist es wie in jeder anderen Beratung. Wenn man keine Probleme hat, geht man eben nicht hin. Wenn man Probleme hat, geht man hin. Und die Probleme sind eben in diesem Bereich Unterkunft, Obdachlosigkeit. Ein spezielles Beispiel: schwangere Frau in der B-Ebene Hauptwache, die mit einer Risikoschwangerschaft dort nicht gut aufgehoben ist und für die wir gerade alles in Bewegung setzen, damit sie dort raus kann; alte Leute mit chronischen Krankheiten; Kinder, die versorgt werden müssen; Personen, die auf eine andere Art und Weise krank sind (auch eine Beispiel lautete: ein Mann, der von der Polizei verprügelt worden ist), da werden Anträge auf Anspruch von Leistungen gestellt.

Genau das ist aus politischen Gründen gerade ein Problem. Es besteht diesbezüglich eine zielgerichtete Ablehnung. Der europäische Gerichtshof (letztes Urteil steht noch offen), die europäische Kommission, viele andere Verbände, u.a. der paritätische Wohlfahrtsverband, dem wir auch angehören, sind eigentlich der Auffassung, dass Hilfe geleistet werden muss, da wir es hier mit EU-Bürgern zu tun haben, die von Osteuropa hierher kommen und eine andere Rechtsstellung haben als z.B. Personen, die nach Asyl fragen.

 

Studierende: Im Moment gibt es sechs Monate Sperrzeit, wenn man aus einem anderen Land hierher kommt und Hartz-V beantragen möchte.

Her Brenner: Ja, das ist richtig. Es gibt, vor allem was die Zulassungsvoraussetzungen angeht, verschiedene Einschätzungen. Nach dem Prinzip der Verhinderung von Ungleichbehandlung und nach dem europäischen Fürsorgeabkommen müsste es eigentlich so sein, dass die Leute hier Hilfe in Anspruch nehmen können. Allerdings wird seitens des Jobcenters zunehmend so reagiert, dass solche Anträge abgelehnt werden mit der Begründung, sie seien nur hierher gekommen, um Leistungen zu beantragen. Das ist ein Generalargument. Wenn wir dagegen klagen mit der Begründung, die Personen sind hierher gekommen um Arbeit zu suchen, was auch rechtens ist, und diese Anträge abgelehnt werden, verstößt das Jobcenter gegen den Gleichheitsgrundsatz und gegen das Fürsorgeabkommen. In der Regel kommen wir mit unseren Widersprüchen durch. Das große Problem ist allerdings, dass nach drei Monaten wieder abgelehnt wird. Es besteht also ein Kreislauf und irgendwann werden die Leute mürbe und verlassen die Stadt oder gehen Sonst-wohin. Da fehlt nicht die Rechtsprechung, da fehlt die politische Willensbildung. Das ist ein Akt politischer Maßgabe, wie Recht gebeugt werden kann oder anzuwenden ist. Man ist im Jobcenter der allgemeinen Auffassung: „Wir lehnen dort ab wo man ablehnen kann.“ Was uns die Arbeit ausgesprochen erschwert. Wir hatten letztens erst einen Fall, bei dem zwei Kinder einer Familie in Obhut genommen worden sind. Diese Kinder waren wohl behütet, von Kindeswohlgefährdung konnte man keineswegs sprechen, den Kindern ging es gut. Bei der Familie hieß es: „Ihr bekommt eure Kinder, wenn ihr ausreist.“  Das kann man schon politische Maßnahme nennen. Da wird der Aufenthalt so unangenehm gestaltet, dass diese Maßnahmen manchmal Erfolg haben und die Leute wieder gehen.

 

Studierende: Ist das nicht auch widerrechtlich?

Herr Brenner: Ja. Wir hatten auch kürzlich erst mit einer Rechtsanwältin gesprochen, die uns sagte, dass das widerrechtlich ist… Nach unserer Auffassung ist das Kindesraub.

Wir hatten uns auch daran gesetzt diesen beiden jungen Leuten eine Wohnung zu organisieren, was unheimlich schwierig ist, und hatten dabei wohl mehr Glück als Verstand. Denn es gab dann eine Person, die diesem Verein auch wohlgesonnen ist, der eine kleine Wohnung in Sachsenhausen hat, die er eigentlich verkaufen möchte, und diese hat er der Familie nun zur Verfügung gestellt…von den beiden Kindern war das jüngere gerade mal sechs Monate alt und wurde noch gestillt. Ich fragte auch die zuständige Teamleiterin wieso nicht wenigstens die Mutter mit den beiden Kindern ins Frauenhaus oder Mutter-Kind-Haus geschickt worden ist. Sie meinte, dafür gäbe es kein Geld.

 

Studierende: Auf Ihrer Website steht, Sie versuchen die Leute zu qualifizieren bezüglich Arbeit, das geschieht auf freiwilliger Basis?

Herr Brenner: (lacht) Sagen wir`s mal so: Wenn Sie ein Kind fragen, das in die Schule geht, ob dieses Kind das auf freiwilliger Basis macht, dann antwortet es auch mit „Nein, ich würde lieber mit meinen Freunden spielen“:

Der Hintergrund der Bildungsprojekte ist folgender: Es geht immer darum, dass wir von Anfang an gesagt haben, wir nehmen zuerst die soziale Situation wahr und versuchen zu helfen. Durch diesen Ansatz, dass wir das nie von der Situation darüber hinaus getrennt haben, haben wir über Jahre hinweg einen sehr großen Vertrauensvorschuss bekommen. Und wir sagen, dass zuerst die soziale Situation, die Versorgung, die Unterkunft halbwegs gewährleistet sein muss, damit die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen sich dann Bildungsangeboten überhaupt widmen können…Das kann man als prinzipielles Grundverständnis unseres Vereines sehen. Darauf aufbauend haben wir schon ab Mitte der 90er Jahre eine Initiative für Kinder entwickelt, die Schaworalle, das heißt „Hallo Kinder“. Das ist seit vielen Jahren eine Kindertagesstätte mit 80 Plätzen, am Anfang Projekt, heute Kindertagesstätte. Dort werden Kinder ab einem halben Jahr aufgenommen, alle werden betreut und unterstützt, zielgerichtet gefördert (auch Sprachförderung, motorische Förderung, ausreichendes und ausgleichendes Freizeitangebot). Außerdem gibt es eine schulische Förderung in Form eines Projektes, eines Regelprojektes, das wir in Zusammenarbeit mit der Haupt- und Realschule in der Innenstadt und der Comeniusschule haben. D.h. Schaworalle selbst ist gleichzeitig auch Schule für die Kinder, die schulpflichtig sind. Das ist ein offenes System, d.h., wenn die Kinder, im Einvernehmen mit den Pädagogen, sich vorstellen können nun die Schule direkt am Wohnort zu besuchen, dann wird das natürlich so schnell wie möglich versucht umzusetzen.  Wir machen allerdings hier eher die umgekehrte Erfahrung, bei der andere Schulen auf uns zukommen und sagen sie hätten in ihrer Klasse ein Roma-Kind, das sei schwierig, sie wollen es nicht dahaben, der Verein solle das Kind doch aufnehmen…Aber dafür sind wir nicht da.                                                                           

 Das war sozusagen die erste Initiative, die wir gegründet haben, die auch begleitet war von der sozialpädagogischen Familien- und Einzelfallhilfe und Erziehungsbeistandschaft.    

 Es ging bezüglich der Familie- und Einzelfallhilfe immer darum die Themen Bildung, Versorgung, Gesundheit und Perspektive mit den Menschen zu erörtern und sehr eng zu begleiten. Und darauf aufbauend  bieten wir seit den letzten 10/11 Jahren auch das Jugendberufsbildungsprojekt an. Dieses Projekt betreut einerseits Jugendliche, die nicht im Bezug von Hartz VI sind (die kommen freiwillig) und andererseits Jugendliche, die im Bezug von Hartz VI sind, und die werden zugewiesen. Wenn die hier nicht erscheinen, wird das Geld gekürzt. Das sind von 15 Plätzen sechs.                                                

Oft ist es aber eben auch, und das muss man dazu sagen, die Interesse und die Identifikation mit der Arbeit.

Seit einem Jahr haben wir nun auch eine Krabbelgruppe. Die Krabbelgruppe besuchen Kinder im Alter von einem halben Jahr bis drei Jahren. Diese Gruppe, die zehn Kinder stark ist, war innerhalb eines Monats belegt, ohne dass wir viel dafür tun mussten. In den vielen Jahren, in denen wir schon die Kindertagesstätte betrieben haben, hat es sich in der Roma-Gemeinde ganz einfach etabliert, dass Angebote unsererseits angenommen werden. Was wiederum einen Beweis dafür darstellt, dass das Vorurteil, Roma hätten keine Interesse an Bildung und Integration, ganz einfach nicht stimmt. Wenn man die richtigen Angebote zur Verfügung stellt und wenn man den Leuten eben auch entgegen kommt und Verständnis und Empathie aufbringt, dann geht das.

Ein weiteres Projekt ist die Erwachsenenbildung, das wir vor vier Jahren begonnen haben. Mit dem Hintergrund, dass viele Leute auf uns zukamen, die u.a. schon seit vielen Jahren hier leben/ hier Hartz VI erhalten und meinten, sie würden die Angebote beispielsweise vom Jobcenter nicht verstehen, sie würden sich nicht zurecht finden, da wüssten sie nicht, wie sie sich orientieren könnten und sie hätten den Eindruck, man würde ihnen auch nicht richtig helfen (wollen) und sie seien dumm behandelt worden. Wie haben uns Jahre dafür eingesetzt, dass wir innerhalb des Vereins ein Erwachsenenbildungsprojekt organisieren konnten, denn es wurde immer wieder vom (damals noch) Arbeitsamt verwehrt mit den Worten: „Die sollen genau das gleiche machen wie alle anderen auch, die sind doch selber Schuld, wenn sie die Angebote nicht annehmen, etc“. Dazu ist zu sagen, dass in unserem Projekt, sowie in allen unseren Projekten, Roma selbst fest angestellt sind, weil dadurch ganz einfach der Zugang zur Muttersprache stattfinden kann und wir so auch garantieren können, dass eine Verständnis- und Verständigungsebene geschaffen ist.      

Vor vieren Jahren gab es dann unseren Durchbruch und das Projekt konnte entstehen. Es wird zurzeit größtenteils vom Jobcenter finanziert und die Teilnehmer kommen nun auch größtenteils daher, da sie zugewiesen werden.

 

Studierender: Ich habe in einigen Büchern darüber gelesen, dass manche Roma, vor allem früher, kein Streben nach materiellem Besitz hatten und sehr in der Gegenwart gelebt haben. Nun ist meine Frage, ob das auf hier lebende Roma auch zutrifft und ob es mit der hier herrschenden Arbeitskultur vereinbar ist.

Herr Brenner: In erster Linie ist das ein Vorurteil. Sklavenarbeit wurde erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Rumänien abgeschafft und als Sklaven mussten vor allem Roma tätig sein. Zu sagen „Roma wollen nicht arbeiten, Roma arbeiten nicht“ ist eine Art der Romatisierung, die es in allen Bereichen der Arbeit mit Roma gibt. Vor allem in solchen Bereichen, in denen es um Kultur, Kulturidentität oder auch Literatur geht. Es wird oft ein Stereotyp vorangeschoben, der alles erklärt. Wir machen hier die Erfahrung, dass es für viele schwierig ist Arbeit zu finden, weil wenn herausgefunden wird, dass die Personen Roma oder Sinti sind, werden die Leute direkt mit Vorurteilen belegt, sie erhalten die Arbeit nicht oder werden rausgemobbt.

Ebenso schwierig Arbeit zu finden ist es für Jugendliche, deren Eltern auch schon von Arbeit ausgeschlossen worden sind. Bspw. viele Familien aus Rumänien, die teilweise in Fabriken etc. gearbeitet haben oder eben aber auch schon von Arbeit ausgeschlossen waren. Durch die Verarmungsprozesse in Osteuropa muss man einfach feststellen, dass dieses Elend zugenommen hat. Auch diejenigen, die in Fabriken gearbeitet haben, haben ihre Arbeit verloren, weil die Fabriken geschlossen wurden. Allgemein gesagt, ist es eine generative Erfahrung, die wir hier machen. Jugendliche, die in einem Haushalt erwachsen geworden sind, in dem die Eltern arbeitslos sind/waren, haben eine ganz andere Einstellung zur Arbeit mitbekommen, als andere Jugendliche mit nicht-arbeitslosen Eltern.

D.h. wir haben allgemein erst mal damit zu tun Kinder und Jugendliche für die Arbeit zu interessieren, was vor allem Thema im Jugendberufsbildungsprojekt in Form von Praktika ist. Und diesbezüglich machen wir nicht die schlechtesten Erfahrungen. Denn wenn wir etwas haben, was die Leute interessiert, dann läuft das auch, und Schwierigkeiten gibt es immer.

Junge Leute zwischen 14 und 20 Jahren stehen in der Regel nicht gerne morgens auf um arbeiten zu gehen, da ging es mir nicht anders. Das ist kein Roma-Kriterium. Prinzipiell sollten alle Personen bei solchen Angelegenheiten an der Hand genommen und eng begleitet werden. Wir haben hier mit Problemen zu tun, die typisch für die Jugendberufsbildungsarbeit sind und nicht „typisch“ Roma. Ich möchte damit sagen, dass mit einer engen Begleitung, viel Mühe und hohem Engagement diese Thematik der „arbeitsfremderen Jugendlichen durch von der Arbeit ausgeschlossenen Eltern“ überbrückt werden kann. Es gibt aber auch ganz andere Personen, Familien, die hierher kommen und nur einen kleinen Tipp benötigen und ihr Leben dann selbst sehr erfolgreich regeln. Es kommt auch sehr oft vor, dass diese Personen dann auch gar nicht mit Roma in Verbindung gebracht werden wollen und sozusagen ihre Identität verleumden (müssen), aus Angst ihren Job zu verlieren. Es gibt hier beispielsweise eine Frau, die seit 25 Jahren bei der Bäckerei Eifler hier in Frankfurt arbeitet und niemand weiß, dass sie eine Romni aus Jugoslawien ist. Ihr Sohn ist Banker und meinte, er hätte seine Herkunft sowohl im Studium als auch bei der Arbeit nie verraten und immer außen vor gelassen, weil er sagt, dass es seine Laufbahn maßgeblich behindert hätte. Er hat jetzt eine Frau mit einem Allerweltsnamen geheiratet und ihren Namen angenommen, damit es auch wirklich niemals herauskommen kann.

(Das nur mal so am Rande als kleiner Denkanstoß)

Studierende: Versucht der Verein auch prinzipiell Vorurteile abzubauen?

Herr Brenner: Ja, Bildungsarbeit, Öffentlichkeitsarbeit, Informationsfluss ist natürlich ein essentieller Bestandteil der Vereinsarbeit und zwar von Anfang an. Aktuell (Beginn vor zwei Jahren) in Form einer Info-Box, die wir in Zusammenarbeit mit dem Landesverband der deutschen Sinti und Roma (Landesverband Hessen) in Darmstadt für den Sek-2-Bereich herausgegeben haben. Also für Schüler im Alter von 12/13 bis zum Abitur oder auch für die außerschulischen Jugend- und Erwachsenenbildung gibt es die Info-Box zum Thema Antiziganismus (Entstehung, Arbeitsmaterialien, alles digital, sodass Lehrer das direkt abrufen könnten) und die stehen hier (Stadtschulamt) immernoch, obwohl alle Schulen informiert worden sind, sie müssten sie eben nur abholen. Die Lehrer argumentieren mit zu wenig Zeit durch G-8 oder damit, dass es nicht abgesegnet wurde von höherer Stelle usw.

Aktuell sind die Verbände mit dem Kultusministerium im Gespräch, damit das Thema (die Info-Box) im Lehrplan verankert wird. Des Weiteren gibt es noch eine Ausstellung, die Frankfurt Auschwitz heißt und die es seit sechs Jahren gibt. Sie wurde des Öfteren bereits in Frankfurt gezeigt, oft  im hessischen Raum, oder auch in Brüssel, in Saarbrücken und in Prora auf Rügen…Ansonsten organisieren wir natürlich Informationsveranstaltungen z.B. zum Thema soziale Situation. Wir würden bspw. gerne eine Wohnprojekt, ähnlich wie das in Berlin, aufbauen, ganz einfach weil der reine Wohnungsmarkt so entsetzlich schwierig und die Not so groß ist. Außerdem organisieren wir jedes Jahr Gedenkveranstaltungen bezüglich der Geschichte der Verfolgung und Vernichtung der Roma zur Zeiten des Nationalsozialismus (da hat Frankfurt am Main eine bedeutende Rolle gespielt) und laden dazu auch zu Vorträgen ein, was einen breiten Raum einnimmt. Zur Zeit gibt es auch eine Filmreihe in Frankfurt Bockenheim…Das Spektrum der Arbeit ist groß…

Studierende: Um nochmal zurück zu den Geschichtsbüchern zu kommen: In vielen Büchern wird beschrieben, dass Roma früher (ungefähr bis zur NS-Zeit) vor allem Berufe ausgeübt haben wie z.B. Pferdehandel, Schmiedehandwerk, usw. … Ist das heute noch so? Oder gehört das auch zu den Vorurteilen?

Herr Brenner: Ja, das kommt in vielen Beschreibungen noch oft vor…wir allerdings haben schlicht und ergreifend damit wenig zu tun. Die Geschichten mit dem Korbflechter, und dem Kesselflicker und dem Pferdehändler und, und, und, die kennt man alle, aber spätestens seit der Industrialisierung spielt das nicht mehr die Rolle, die es früher gespielt hat und seit der Kapitalisierung seit den 50er Jahren spielt es überhaupt keine Rolle mehr. Aber bei der Beschreibung dessen, was Roma können, wird das immer nochmal angeführt. Die Leute, mit denen wir es zu tun haben, haben die gleiche Ausbildung wie alle anderen eben auch. Da gibt’s Leute, die sind Akademiker, Busfahrer, ohne Ausbildung, Maurer, Elektriker, Auszubildender usw. usw. …

 

Studierende: So, nochmal zum Verein: Was waren denn die ersten Probleme, wie ist man denen begegnet und wie ist das Ganze vorangegangen?

Herr Brenner: Vielleicht sollte ich damit anfangen wie es vor 20 Jahren war und wie es jetzt ist. Vor 20 Jahren haben wir mit der Roma-Union, die es damals noch gab, eine Bürogemeinschaft gehabt, und zwar in einem ganz kleinen Büro. Wir haben Sozialberatung gemacht, mal bezahlt mal nicht bezahlt und das war es. Eventuell noch danach gesehen, dass es im Rahmen der sozialpädagogischen Familienhilfe eine halbe Stelle gab…Die Arbeit hat sich durch den Ausbau der verschiedenen Aktivitäten/Angebote professionalisiert. Vor 20 Jahren waren wir zwei Leute (oder 1- 1,5, wenn man das auf Stellen ausrechnet) und heute sind wir 40, davon sind knapp die Hälfte Roma und wir arbeiten in fünf bis sechs unterschiedlichen Bereichen. Die Finanzierung spielt natürlich auch eine Rolle. Früher war das mehr oder weniger durch ABM-Stellen finanziert (Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen in den 80er und 90er Jahren) oder nur ehrenamtliche Arbeit geleitet. Die ersten vier Jahre des Vereins gab es nur ehrenamtliche Arbeit. Mit dem Aufbau und dem Ausbau der Projekte hat sich dann natürlich auch die Finanzierungsgrundlage geändert. Jetzt werden wir hauptsächlich vom Jugend- und Sozialamt, Stadtschulamt, Sozialministerium und vom Jobcenter finanziert.

 

Studierende: Haben Sie die Finanzierung geändert, weil Sie sich das erkämpft haben oder weil sich auch das Bild geändert hat?

Herr Brenner: Leider hat sich im Kopf der Leute nichts geändert. Es ist tatsächlich so, dass wir uns das erkämpft haben. Und die Finanzierung ist natürlich auch nicht sicher, bis auf die Kindertagesstätte. Alles andere muss immer wieder neu erkämpft werden.

 

Studierende: Woran ist der Verein gebunden, welche Kontrollfunktion gibt es?

Herr Brenner: Überall. Wenn Sie unterschiedliche Finanziers haben, werden sie unterschiedlich geprüft. Wir werden von der Bank für Wirtschafts- und Infrastruktur des Landes Hessen, weil wir EU-Mittel haben, vom Amt für multikulturelle Angelegenheiten, vom Jugend- und Sozialamt, vom Jobcenter, vom Finanzamt, usw. geprüft.

 

Studierende: Welche anderen Organisationen im Rhein-Main-Gebiet arbeiten mit Roma?

Herr Brenner: Also, Vernetzung ist wichtig in unserer Arbeit, die spielt eine bedeutende Rolle. Wir waren, abgesehen vom Landesverband der deutschen Sinti und Roma in Darmstadt, lange Jahre allein. Mittlerweile gibt es eine sehr interessante Entwicklung, über die wir uns sehr freuen. Im Rhein-Main-Gebiet gibt es einzelne Träger, die sich der Situation von, vor allem neu zugewanderten Sinti und Roma, widmen. Da gibt es z.B. ein Jugendberufsbildungsprojekt der Arbeiterwohlfahrt in Dietzenbach bei Offenbach, genauso gibt es vom IB Initiativen in Hanau und in Wiesbaden, usw.

Studierende: Was den Verein betrifft kommen wir langsam zum Ende. Was halten sie von dem Bericht des BRD an die EU-Kommission? Denken sie, dass die Ziele umsetzbar sind und hat dieses Programm einen Bezug zu diesem Verein?

Herr Brenner: Der Standpunkt der Bundesregierung ist, dass es keine Probleme gibt. Die Frage ist insofern interessant weil am 7.Mai eine Veranstaltung in Düsseldorf  stattfindet, zu der wir geladen sind, wo die EU-Verantwortliche der Kommission für die Länderberichte kommt. Hier heißt es:

Wir haben alles im Griff, wir brauchen keine Programme, keine speziellen Unterstützungen, das läuft. Das was Notwendig ist gibt es, besondere Probleme haben wir nicht.Das war nicht adäquat mit dem, was der Zentralrat und die Landesverbände der deutschen Sinti und Roma, als auch die freien Verbände geschrieben haben. Es gibt natürlich enormen Handlungsbedarf. Insofern können wir mit dem Bericht relativ wenig anfangen aber der Bericht hat ziemlich viel Furore bewirkt, weil die europäischen Kommission gesagt hat, das kann doch nicht stimmen. Wenn wir also auf der einen Seite Rückmeldungen von Organisationen haben, wie schwer es ist Projekte und Maßnahmen einzuleiten, dass es hinten und vorne an finanzieller Unterstützung fehlt, aber die Notwendigkeit ganz offensichtlich ist. Wenn wir sehen, wie in Deutschland Politik gemacht wird auf der ebene des klassischen Rassismus gegen Roma und Sinti - die letzten Jahre auch ganz speziell vor der Europawahl.

In Berlin hängt immer noch das Plakat in der Bülowstarsse: "Geld für die Oma, nicht für Sinti und Roma", von der NPD da. Obwohl die eins draufbekommen haben, dass sie das nicht machen dürfen. Da gibts enorm viel Handlungsbedarf auch weil viele Migranten hier herkommen unter denen viele Roma aus Osteuropa kommen. Hier gibt es keine Schnittstelle mit dem Länderbericht. Die verantwortliche Nekos, wird sich nochmals von den Initiativen berichten lassen und die Kommission und Bundesregierung nochmals zur Äußerung auffordern wird. Warum werden diese Probleme nicht gesehen, warum ist sie der Auffassung, dass alles was getan wird vollkommen ausreichend ist?

Da gibt es ein Nachspiel und wir hoffen sehr, das durch die Aufmerksamkeit innerhalb des Fachkreises erregt wird und das die Kommission auch Druck machen kann. Ihr habt ja mitbekommen, dass so viele Gelder, die zur Verbesserung der Lage der Roma und Sinti nicht abgerufen wurden.

Wenn das nicht durch kommunale und staatliche Behörden erfolgt, ist dies sinnlos. Das die kritik.

Wenn die behörden weitermauern und weiterhin alles für ok halten und programme und entsprechende Gelder nicht annehmen / beantragen, dann wird es eine Stiftung geben, die speziell für die Unterstützung für Projekte für und von R&S , NGOs Selbsthilfeorganisiationen im bereich bildung Menschenrechte, lebensorganisation,entwickelt werden. Wenn es die staatlichen gremien nicht machen wollen, gibt es stiftungen wie beispielsweise die für osteurope, den european romafoundation und die oststiftung, die zT stark mit eu mitteln und privat finaziert werden.

Wenn die politisch verantwortlichen wegschauen, dann muss man das selber machen.

Studierende: Wollen sie noch was über den verein sagen, etwas das sie als wichtig erachten?

Herr Brenner: Wichtig ist: die haltung gegenüber roma und sinti, das ressentiment begründet sich zu 90 % nicht in der tatsache das man leute kennt, sonern in erzählungen Überlieferungen , haltungen, Einstellungen die zT erziehungs- und sozialisationsbeduíngt sind. Zigeuner und alles was sich über Jh hinweg in den Köpfen manifestiert, auch bei kindern, das kann man nur knacken, indem man bei sich selbts ansetzt. Die arbeit, vorurteile gegenüber r&s aufzuheben ist nicht damit getan indem mehr informiert wird, weil infos müssen bearbeitet werden und dann kommt die hälfte der wahrheit nur an und die andere bleibt vorurteilsgeladen im  Kopf. Es existiert auch von behörden eine ziemliche schamlosisgkieit. Es riskiert auch keiner was. Es ist rausgeschmissenes geld, die wollen nicht arbeiten nicht lernen nur in der sonne liegen, spazieren gehen.

Die thematisierung ist eine eigene sache. Eigene haltung eigen erfahrung nützen dies zu rflektieren. Die meisten haben mit denen nix zu tun, sie werden mit bilden aus dortmund duisburg, frankfurt, berlin konfrontiert, das ist dann die realiätät, das deckt sich dann mit den seit jh existierenen vorurteilen und ist erschlagend.

Ich würde mir wünschen, das mehr thematisiert wird und dass mehr leute sich engagiereun und aauch die klappe aufmachen. Und skeptischer, kritischer gegenüber berichterstattung sind und aufpassen. Va. Junge leute.  Bei den alten hab ich die hoffnung verloren. Es liegt iin den händen der jungen generation., wie es weitergeht.

Nochmals danken wir Herrn Brenner für seine Zeit, seine Mühe, seine Offenheit und seine Freundlichkeit. Das war definitiv nicht selbstverständlich. Wir hatten eine sehr angenehme und nette Zeit im Verein und haben unersetzliche Informationen erhalten. Ein sehr kostbares Interview, vielen Dank!

Zuletzt geändert: Sonntag, 29. Juni 2014, 16:40